Zwischen Korrektur und Wattebäuschchen - ein paar Gedanken

 

Kürzlich wurden uns über den Algorithmus verschiedene „Erziehungsvideos“ auf You-Tube vorgeschlagen. Um nicht nur in unserer Bubble zu leben, schauen wir uns hin und wieder solche Videos an. 

In mehreren Videos ging es darum, ob Gewalt und Zwang sowie Korrekturen und Grenzen setzen in der Hundeerziehung gerechtfertigt sind. 

Vermutlich sagen die meisten Menschen heutzutage, Gewalt, Druck und Zwang seien veraltet und so wollen sie ihren Hund nicht mehr erziehen. 

Und so argumentieren diese Trainer:innen erst einmal Bilder von stark misshandelten Hunden, erzählen von Starkzwang und wie fürchterlich das doch sei, um dann zum nächsten Kapitel zu switchen: Antiautoritäre Erziehung. 

Diese sei ebenso abzulehnen. Schlagwörter fallen wie zum Beispiel: 

-       Den Hund in Watte packen, 

-       Mit Leckerli bewerfen / um sich schmeißen,

-       Den Hund „fett füttern“

-       Dem Hund keinerlei Grenzen setzen und bloß alles für ihn tun

-       Den Hund in einer Blase leben lassen und dort schwimmt er hilflos vor lauter Unwissenheit umher, was er mit sich und seinem Leben anstellen solle … 

-       Vermenschlichung

 

Eine Trainer:in erklärt in einem Video, sie/er fände es schade, dass Menschen sich, ob der Informationsflut aus dem Internet, einfach nicht mehr trauen, dem Hund mal aus dem Bauch heraus zu sagen „Lass das jetzt“, ihn mal antouchen, mal nach vorne zu gehen, zu schubsen und dem Hund zu sagen „Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun?!“ 

Abschließend die Worte: „Man soll seinen Hund loben, Futter reinstecken, Nein sagen und notfalls ihn mal anbuffen, zur Seite schubsen, auf ihn drauf zu gehen, ihn mal drohend angucken. Daran ist nichts schlimmes.“ 

Puh… 

Aber um nicht nur einen Einzelfall zu schildern, möchte ich noch kurz erläutern was ein anderer Trainer:in zu dem Thema Zwang und Gewalt erzählt: 

Die Begriffe Zwang und Gewalt werden erklärt und im Fazit so geschildert, dass Starkzwangmittel natürlich nichts im Hundetraining zu suchen haben, aber  ja sogar eine Leine ein Zwang sein kann. Nämlich wenn der Hund gerne Jagen möchte und wir  im Wald die Leine am Hund behalten müssen. 

Nunje, klar ist es Zwang, wenn ich einen jaulenden, ziehenden Hund an der Leine hängen habe, der keinerlei Alternativen zu dem eben vorbeigehopsten Hasen hat. Hierzu kann ich nur sagen „Wissen mach Ah!“. Selbstredend würden „wir“ dem Hund in solchen Situationen entsprechende Alternativen anbieten und mit diversen Übungen an den Erregungslagen arbeiten.

Den Hund in Watte zu packen würde ihn für sein Leben stark beeinträchtigen, denn das Ertragen von frustrierenden Situationen würde ja erst seine Frustrationstoleranz aufbauen. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und nur so kann ein Hund lernen in einem von Menschen dominierten Umfeld zurecht zu kommen. Ebenso muss ein Hund ja lernen mit Stress umzugehen und Impulskontrolle aufbauen. 

Soso, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz lernt sich durch das „aussitzen“ IN solchen Situationen. Klares Nein!  

Resilienz funktioniert nicht mal eben easy über Gewöhnung. Selbstbeherrschung u.ä. bedarf eines wirklich kleinschrittigen, sensiblen und klugen Trainings. Die Nebenwirkungen bei „flooding“ und anderen unsinnigen Impulskontrollübungen sind definitiv extrem schädlich. 

Was uns bei diesen Erklärungen auffällt, dass immer zuerst von den ganz fürchterlichen „Starkzwangmitteln“ sowie massiver körperlicher Gewalt gesprochen wird. 

Dem Zuschauer wird damit natürlich suggeriert, dass die „Positivler“ immer solche Bilder vor Augen haben, wenn sie von aversivem Training sprechen. Somit hat der Trainer XY, der gerade in diesem Video zu sehen ist ja schon mal Sympathiepunkte, da er „das mit der Gewalt“ ja ganz genauso sieht. Im Anschluss wird aber immer erzählt, dass im positiven Training keine Grenzen gesetzt werden, die Hunde würde einfach so in einer Blase oder in Watte gepackt leben und das würde das Leben des Hundes als auch das des Menschen massiv einschränken.  Deshalb wird nun doch wieder dazu geraten, den Hund mal übergriffig zu schubsen, oder ihn mal verbal anzugreifen (Zitat: „Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun?!“) 

Und zu guter Letzt wird dann mitgeteilt, dass Konditionierung ja nichts anderes, wie Zirkusartistik sei. Man daher gänzlich auf Konditionierung und Kekse verzichtet, dass täten Hunde unter sich ja nun auch nicht.

Wieder suggeriert das, dieser Umgang mit unseren Hunden wäre die einzig richtige Möglichkeit, um ihnen möglichst viele Freiheiten zu bieten.

Zwei Punkte möchten wir im Folgenden etwas genauer beleuchten:

1.     Gibt es wirklich nur diese eine Möglichkeit Grenzen zu setzen? 

2.     Welche Nebenwirkungen können auftreten, wenn man nach der Empfehlung dieser Videos handelt? 

 

Auf die erste Frage können wir ganz klar mit NEIN antworten. 

Um den Punkt aber etwas genauer zu erklären, ist es wichtig zu verstehen, dass auch im Training mit positiver Verstärkung „Grenzen gesetzt“ werden. 

Was heißt Grenzen setzen eigentlich? 

Es ist ein so häufig verwendeter Begriff, der leider aber in unseren Gehirnen mit sehr vielen negativen Emotionen verknüpft ist. Wenn man von Grenzen setzen spricht, hat man doch sofort Sätze im Kopf wie: „Das geht zu weit“ oder „Den muss man aber mal in seine Schranken weisen“. Man geht eigentlich immer davon aus, dass erst ein Verhalten gezeigt werden muss, welches man dann eben begrenzt. Aber es geht auch anders: 

Wie wäre es, wenn wir vom ersten Tag an unseren Hunden den Rahmen zeigen, in dem sie sich sicher bewegen können. 

Dann ist ein Grenzen setzen im herkömmlichen Sinne doch gar nicht mehr so wirklich nötig, oder? Springt mein Hund Besuch an, muss ich doch nicht warten, bis er das nächste Mal hüpft, sondern verstärke das Verhalten „alle-vier-Pfoten-auf-dem-Boden“ und schwupps – der Hund hat gelernt sich brav vor die Menschen zu stellen und (du wirst es kaum glauben) die allermeisten setzen sich dann sogar hin und gucken lieb ;-)
Es ist also gar nicht nötig erst auf ein unerwünschtes Verhalten zu warten, welches man dann korrigieren, begrenzen oder verbessern muss. Wir setzen an, BEVOR das unerwünschte Verhalten auftritt, indem wir erwünschtes Verhalten verstärken.

Wir leben und erziehen vorausschauend, wir berücksichtigen die Umstände, vorangegangene Situationen, Emotionslagen und vieles mehr. Wir zeigen den Hunden alternative Verhaltensweisen, die sie anstatt unerwünschten ausführen können.

Einer der allerwichtigsten Bestandteile ist hierbei die Kommunikation. Hunde reden, sprechen, haben eine klare, deutliche Kommunikation. Ihre Körpersprache zu sehen und interpretieren zu können ist das A und O im Zusammenleben.

Und sie sagen uns, was sie empfinden, was sie möchten oder eher nicht und nicht zuletzt können wir so erfahren, was ihr wahrscheinlich nächster Schritt sein könnte.

 

Zum Thema „Konditionierung“ möchten wir darauf verweisen, dass sie, allen voran die Klassische Konditionierung, eine grundlegende Lernform bei Mensch und Tier ist. Sie findet unbewußt statt und kann somit weder verhindert noch abgelehnt werden.

Die daraus folgenden Regeln, als auch die der Operante Konditionierung, hat feste Bedingungen, der sich ein Lernender:e nicht entziehen kann. Dies gilt sowohl für Lernen über Verstärkung als auch Strafe. Werden diese nicht eingehalten, funktioniert es schlicht nicht.

Es ist also grenzenloser Blödsinn, wenn behauptet wird, dass ohne Konditionierung gearbeitet wird, denn sie findet sowieso ständig statt. Selbst Erziehung mit Strafe muss sich den naturwissenschaftlichen Lerngesetzen unterwerfen.

Noch ein weiterer Punkt, weshalb es wenig Sinn macht erstmal abzuwarten, bis der Hund ein „schlechtes“ Verhalten zeigt ist, dass so der Mensch quasi gezwungen wird reaktiv zu sein, d.h. wir reagieren auf das Verhalten des Hundes anstatt proaktiv zu lenken und zu unterstützen. 

Die klassische Konditionierung greift nunmal immer und wenn es blöd läuft, versteift sich der Mensch sobald er einen anderen Hund am Horizont sieht, zupfelt nervös an der Leine, hält diese kürzer und löst somit womöglich einen Oppositionsreflex aus, der unter anderen Umständen überhaupt nicht ausgelöst worden wäre. 

Und davon, dass sich ein Verhalten festigt, je öfter der Hund es ausüben kann, hast du doch bestimmt auch schon mal gehört. Das heißt nichts anderes, als dass er eben auch „unerwünschtes“ Verhalten übt, je öfter es vorkommt.

 

Punkt Nr. 2:

Versetzte dich doch bitte einmal kurz zurück in deine Kindheit. 

Du bist ungefähr drei bis vier Jahre alt und freust dich, mit Mama und Papa ein Eis essen zu gehen. Du bekommst dein Lieblingseis, wunderschön bunt auf einem Tellerchen hergerichtet und dir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Aber Papa sagt, du musst erst Händewaschen, bevor du Eis essen darfst… (Premack-Prinzip)

Vom blöden Händewaschen zurück tunkst du den Zeigefinger freudig quietschend in dein Eis … Autsch… was war das? Mama haut auf den Handrücken und sagt verärgert „Nimm den Löffel! Das macht man nicht.“ Du nimmst also den großen silbernen Löffel und genießt endlich dein Lieblingseis. Du lässt es auf der Zunge zergehen, fängst sogar ein bisschen an zu schmatzen. Prompt hörst du die Stimme deines Vaters, der deinen Namen in einem angesäuerten Ton ausspricht. Du denkst dir vielleicht nur: Was ist denn los? Habe ich was falsch gemacht? Als du deinen Papa anschaust siehst du schon die Falte zwischen seinen Augenbrauen. Irgendwas gefällt ihm nicht. Du kommst aber nicht drauf, was das sein könnte also isst du weiter dein wunderbar schmeckendes Eis, schließt die Augen und genießt es einfach. Dieses Eis gibt es wirklich nicht oft und du bist gerade einfach nur glücklich mit Mama und Papa hier zu sitzen und Eis zu essen. „So, das reicht jetzt.. Jetzt kommt das Eis weg. Wenn du nicht richtig essen kannst, musst du eben noch warten mit dem großen Eisbecher!“ Zack.. Mama schiebt den Eisbecher von dir weg und du siehst, dass vor dir auf dem Tisch eine Sahne-Eis-Pfütze schwimmt. Du hast wohl gekleckert… 

Der Erwachsene in dir weiß, wieso deine Eltern so gehandelt haben. 

Zugegeben: Fair ist das nicht und vielleicht auch etwas überspitzt dargestellt, aber solche Situationen gibt es mit Kind (und Hund) tatsächlich noch sehr häufig. Dein Kind in dir weiß nicht was es falsch gemacht hat und würde man diese Szene weiterspinnen, würden Frustration, Wut und vermutlich ein weinendes Kind folgen. 

Das Kind wollte den Eltern nichts Böses. Kein Machtkampf, kein Grenzen austesten, kein auf-der-Nase-herumtanzen.. Es hat gar nicht gemerkt, dass es etwas falsch gemacht hat. 

Um hier kurz den Bogen zu Punkt 1 zu spannen: 

Wäre es nicht besser gewesen, wenn die Eltern ihr Kind kurz angesprochen hätten und gesagt hätten, was sie gerne vom Kind möchten? „Pass bitte auf, du kleckerst sonst alles voll.“ Oder „Hier Schatz, eine Servierte. Leg sie bitte unter.“ Die Eltern hätten nur einmal kurz vorausschauend handeln müssen. 

Wenn wir nun zurück zu den Hunden kommen verhält es sich ganz ähnlich. Hunde sind kognitiv ungefähr auf dem Stand eines Kleinkindes. 

Für Hunde ist es immens wichtig eine sogenannte Erwartungssicherheit zu haben. Erwartungssicherheit, Vorhersehbarkeit ist ein Grundbedürfnis, so wichtig wie fressen, trinken und Fortpflanzung.  

Wird nun immer wieder zwischen „Zuckerbrot und Peitsche“ abgewechselt, fällt diese Erwartungssicherheit irgendwann weg (oder sie ist erst gar nicht zustande gekommen). 

Das verursacht Hintergrundstress, der sich dann wiederum in unerwünschtem Verhalten zeigt (das Kind, das aus Frust anfängt zu weinen). 

Beim Strafen wie auch beim Belohnen ist das Timing wichtig. Wir müssen sehr schnell reagieren, damit der Hund die Konsequenz (Strafe oder Belohnung) mit seinem Verhalten verknüpfen kann. Bei einer Korrektur (Strafe) ist das meist nicht gegeben, was wiederum die Erwartungssicherheit reduziert. Der Hund weiß, wie das Kind, gar nicht, was eigentlich falsch ist. Und vor allem, er weiß nicht, wie er es zukünftig besser machen kann. Welches Verhalten zukünftig gewünscht wäre. Ein Teufelkreis beginnt, der nicht selten in einer Gewaltspirale mündet. 

Und es gibt leider noch einen weiteren Punkt, der zum schlechten Image des „positiven Trainings“ beiträgt:

Es ist eben nicht nur lustiges rumclickern und wahlloses Kekseschmeißen, sondern es steckt sehr viel wissenschaftlich basiertes Wissen hinter dem Training mit positiver Verstärkung. Und so sehen wir hier eben leider auch viel gefährliches Halbwissen, bei dem  es zu seltsamen Clicker-Übungen oder ein im wahrsten Sinne des Wortes „Vorbeikeksen“ bei Hundebegegnungen kommt.  Hier werden die Hunde oftmals einfach abgelenkt. Das hat aber weniger mit Training als mit Management zu tun. 

Es ist garnicht so entscheidend wie viel wir verstärken, sondern eben WIE. Und das will gut gelernt und gelehrt sein.

Im Training mit positiver Verstärkung, so wie wir es leben,  gibt es sehr wohl einen Rahmen, in dem wir und auch unser Hund sich bewegt. 

Auch wir legen Wert darauf, dass Fiffi nicht Opa Heinrich am Gehstock anspringt und auch wir fänden es schön mit Hund durch einen Park zu laufen, ohne dass er alle anderen Hunde, Jogger und Kleinkinder jagen möchte. 

Doch die Sache ist, WIE möchte ich meinem Hund Grenzen setzen? WIE möchte ich ein Zusammenleben gestalten? 

Und wieder ist das WIE entscheidend.

 

Abschließend und als Fazit möchte ich hier Frau Dr. Ute Blaschke-Berthold zitieren:

„Wer sagt, dass zuverlässiges Verhalten bei diesem oder jenem Hund nicht ohne Strafe erreichbar ist, sagt nichts über den Hund aus, sondern beschreibt erst einmal seine eigenen Fähigkeiten.“

 

„Gewalt hat ihren Ursprung dort, wo Wissen aufhört und Verzweiflung ihren Anfang nimmt.“ 

 

@2022 Heike Schuh / Stefie Höflich