Der Welpe soll doch Artgenossen kennenlernen...
Die Welpen „lernen“ da doch untereinander, wie man sich so benimmt...
Er soll spielen können, das kennt er ja schon vom Züchter...
Welpen müssen unbedingt sozialisiert werden…
Hunde sind doch Rudeltiere…
Wenn wir uns das genauer ansehen, stellen wir fest, dass eine Welpengruppe nicht vergleichbar ist, mit dem, was der Welpe bisher kannte.
Denn das waren seine gleichaltrigen Geschwister, die allesamt mehr oder weniger ähnlich kommuniziert haben und sich in ähnlichem Entwicklungsstand befanden und sich vor allem sehr gut kannten.
Eine Welpen- oder Junghundespielgruppe sind einander völlig fremde Individuen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung (lange Haare, kurze Nase, ect.) nicht nur verschieden kommunizieren, sondern meist auch in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen sind. Denn selbst der 12 Wochen alte Havaneser ist in einem anderen Stand als der 12 Wochen alte Dackel.
Und nun erwarten die Menschen, dass sich die Kleinen in kürzester Zeit zu niedlichem Spielen zusammenfinden.
Und das, obwohl auch hier alles neu und daher schon genug aufregend für den Welpen ist (fremde Menschen, fremdes Gelände).
Durch diesen "Streß" sind Fehlverknüpfungen beinahe vorprogrammiert und manch ein bis dahin entspannter Welpen wird hier sozusagen zur Artgenossenunverträglichkeit "erzogen".
Und nein, Welpen „lernen“ untereinander nichts fürs Leben.
Oder wären Sie dafür, dass unsere Kinder in der Schule von ihren Mitschülern, anstatt vom Lehrer lernen?
Bisweilen wird auch gesagt, dass die Junghunde von erwachsenen Hunden mal „ordentliches“ Sozialverhalten lernen sollen.
Das erwachsene Hunde gern als „Kindergärtner“ arbeiten.
Nette Idee, a b e r, auch hier geht es nicht darum, dass ein oder womöglich gleich mehrere erwachsene Hunde den Welpen zurechtweisen.
Als Kindergärtner „arbeiten“ übrigens Wölfe, da sie in einem Rudel leben.
Hunde leben nicht in Rudeln, daher macht es evolutionär für sie keinen Sinn sich um Welpen zu kümmern.
Hunde ziehen ja auch nicht gemeinsam Welpen groß.
Ein erwachsener Hund der eine ausgesprochen hohe Frustrationstoleranz, keine Ressourcenproblematiken und einen absolut verlässlichen Rückruf aufweist könnte positiv agieren. Aber, selbst dann ist nicht gegeben, dass dieser auch tatsächlich mit Welpen "arbeiten" möchte. Was ich hier eher häufig sehe, sind gehemmte Hunde, die müssen und keineswegs selbst entscheiden können.
Und selbstverständlich dürfen solche Zusammentreffen keinesfalls ohne genaueste Beobachtung und ggfls. Unterstützung der Menschen stattfinden.
Tja, und hier kommen allzu häufig angebliche Fachpersonen mit Sprüchen "...der braucht jetzt mal eine Ansage...oder das sei artgerecht und dergleichen" ins Spiel. Genau das ist grober Unfug, falsch, falsch, falsch und dieser Welpe wird nur eines lernen: Fremde Hunde sind doof! Das ist der direkte Weg in Artgenossenunverträglichkeit.
Spiel bedeutet erstmal nicht reiner Spaß, wie bei uns, sondern üben und trainieren für den Ernstfall.
Spiel ist überaus anstrengend und setzt sich aus den verschiedensten Sequenzen eines Hundelebens zusammen und enthält ständige Kommunikation (dass das noch wirklich Spiel ist) zwischen den Tieren.
Was heißt das nun genau?
Spielen ist für Welpen sicherlich eine gute und lehrreiche Erfahrung. Aber,
- es muss von „Außen“ unbedingt darauf geachtet werden, WIE das Spiel verläuft,
- es braucht genügend räumliche Trennungsmöglichkeiten, denn gutes Spiel findet gewöhnlich nur zwischen ZWEI Tieren statt
- es benötigt genügend Rückzugsorte für Entspannungsübungen MIT dem Menschen
- es sollte wenig bedrohliche Außenreize beinhalten (kein Bällebad, Flatterbänder, etc.)
- der zeitliche Rahmen sollte genau beobachtet werden (häufig nicht länger als 1-2 Minuten!)
Wie oben bereits erwähnt, lernen die Welpen immer.
So kann ein Welpe in einer gut geführten Welpengruppe (nicht WelpenSPIELgruppe) durchaus sehr viel positive Erfahrungen sammeln.
Selbstredend erst, wenn der Welpe nach etwa 2 Wochen die Sicherheit gewonnen hat, dass "seine" Menschen stets für ihn einstehen, ihn beschützen, der "sichere Hafen" sind.
Allerdings auch ebenso viel Negative, wenn Mobbing, Rempeln, Überforderung, Unwohlsein, Stress, Angst, übersehen wird.
Und allem voran lernen sie häufig, dass IHRE Menschen eben nicht für sie einstehen, keinen Schutz bieten, denn die unterhalten sich angeregt und merken garnicht, dass der Kleine bereits mehrfach auf sie zu gelaufen ist und um Hilfe gebeten hat.
- Nein, die machen das nicht unter sich aus und
- die sind auch nicht stur und
- die benötigen schon gar keine "Ansage" von anderen, weil sie angeblich "frech" sind.
- Ebensowenig geht das angebliche Lernen von Frustrationstoleranz und Impulskontrolle in diesem Alter. (Spoiler: Selbst wenn wir wollten, die dazu nötigen Gehirnareale gibt es in dem Alter noch garnicht.)
All das ist falsch und zeigt allerhöchstens, dass die "Trainer*innen" dringend Fortbildungen benötigen.
Vertrauen und damit Bindung zum eigenen Menschen geht so sicher nicht.
Welpenspielgruppe ?
Wenn überhaupt, sollten es sehr kleine, homogene Gruppen (2-4 Welpen) sein, in freundlicher und ruhiger Atmosphäre.
Das Hauptaugenmerk ist, dass der Welpe lernt, dass seine Menschen verlässlich sind, damit er Vorhersagesicherheit bekommt.
Es sollte die Hundesprache geübt werden, Entspannungstechniken und die wichtigsten Grundsignale.
Welpen müssen nicht lernen zu toben, das beherrschen sie bereits.
Welpen, die dort aufgeregt in Menschenhände, Hosenbeine und dergleichen zwicken oder die dortigen Artgenossen rammeln, sind mit der Gesamtsituation
völlig überfordert und benötigen Unterstützung, ruhig, freundlich.
Sie benötigen sicherlich nicht, dass man sie festhält oder auf die Leine steigt (damit erhält man keine Entspannung!), sie in die Seite stupst oder das Mäulchen zuhält.
Das ist Schmerz und damit Gewalt, auch wenn die Trainer*innen das als artgerecht verkaufen.
Der Welpe erfährt einen tiefen Vertrauensmissbrauch und lernt nur eines: "Menschen sind blöd".
Die Tatsache, dass er hernach vielleicht Kekse bekommt und zum Kuscheln kommt, heißt nicht, dass er dennoch eine gute "Bindung" hätte.
Hunde sind nicht blöd, sie wissen, dass sie nicht aus dem "Goldenen Käfig" weg kommen, also arrangieren sie sich. Mit guter Bindung hat das jedoch nichts zu tun.
Genausowenig lernen sie nichts Gutes, indem man einfach mal verschiedene Hunde oder Welpen über längere Zeit miteinander agieren lässt!
Da wird ein etwas zu forscher Junghund in seinem übertriebenen Benehmen bestätigt. Er lernt z.B., dass er sich mit Rempeln gegenüber Schwächeren durchsetzen kann.
Zeitgleich lernt der etwas zurückhaltendere Junghund, dass andere Hunde allesamt mit Vorsicht zu genießen sind und wird diese immer mehr meiden.
Es gibt duzende Beispiele, wie solche Spielgruppen das zukünftige Verhalten des Hundes nachhaltig prägen, und zwar negativ.
Oft werden dann noch die darauffolgenden Raufergruppen (also mit pubertierenden Junghunden) angeboten.
Von diesen rate ich unbedingt ab, denn die individuellen Unterschiede sind meist so groß, dass hier nur negative Erfahrungen gesammelt werden können. Ich würde in dieser Zeit auch keine gemischt geschlechtlichen Gruppen empfehlen.
Ein Rüde, der sowieso schon testosterongesteuert auf Wolke 7 schwebt, wird sicherlich neben einer Hündin, die kurz vor der Läufigkeit steht, kaum noch zu trainieren sein.
Zum Thema, dass Hunde „Rudeltiere“ seien, wurde eigentlich genügend publiziert. Obwohl, wenn wir genauer hinsehen, kursieren auch hier viele "Meinungen" und veraltetes Wissen wird nach wie vor "hoch gehalten".
Brauchen sie also andauernd Hundekontakte?
- Nein, sie benötigen gute Sozialkontakte. Das sind nicht nur Artgenossen, sondern auch Menschen, also WIR.
- Nein, denn ein Rudel sind nur miteinander verwandte Tiere.
- Nein, Hunde bilden keine Rudel (wie Wölfe) mehr, sie sind vorwiegend Einzelgänger.
- Nein, Hunde wurden Jahrtausende lang dahingehend domestiziert und selektiert, dass sie uns Menschen als ihren Sozialkontakt akzeptieren, Artgenossen höchstens tolerieren (und selbst das nicht immer).
- Nein, andauernde Kontakte, in die sie auf Hundeplätzen, Pensionen, Gassitreffen, Spielgruppen, „gezwungen“ werden, bedeuten nur Streß.
- Von Aussagen wie "der gewöhnt sich schon dran" möchte ich erst garnicht anfangen (Habituation funktioniert nicht bei Streß!).
- Nein, Hunde müssen nicht automatisch andere Hunde mögen, dies tun sie meistens auch nicht. (Schwanzwedeln ist halt nicht automatisch Freude, ja nicht mal auf den anderen zugehen ist automatisch "der möchte Hallo sagen"...)
- Nein, schon garnicht auf irgendwelchen Hundewiesen, denn dort sind alleine die vielen Gerüche schnell überfordernd. Gutes Verhalten sehen wir dort nicht, denn die Erregungslage ist per se an solchen Orten zu hoch. Und damit bringt das keinen Spaß, also zumindest nicht beim Hund.
- Ja, 1-2 feste Freundschaften sind durchaus empfehlenswert.
Sozialisierung in der Hundeschule ?
Der oft missverstandene Begriff der Sozialisierung bedeutet ebenfalls nicht, dass der Welpe auf Biegen und Brechen alle möglichen Kontakte benötigt.
Und nein, Sozialisierung muss nicht in der Sozialisierungsphase stattfinden.
Die gibt es so garnicht! Es gibt eine sensible Phase (etwa bis zur 16ten Woche) in der nachhaltig und schnell gelernt wird, denn es macht Sinn, dass das Tier fix unterscheiden kann, was Gut und was Böse ist.
- Sozialisierung findet lebenslang statt.
Bei jedem Säugetier. Wäre sie nach 4 Monaten abgeschlossen, könnte das Tier nicht mehr in einer anderen Umwelt zurecht kommen.
- Gute Sozialisierung braucht entspannte Umwelterkundung in genügend Entfernung von Artgenossen/Menschen/Tieren aller Art.
- Dazu benötigt es keinen direkten Kontakt.
- Mit Welpen in dieser Zeit ein straffes Programm durchzuziehen, damit sie Bahn, Zoo, Fussgängerzone usw. usw. kennenlernen und dann "angeblich" für immer einfach so abspeichern ist nicht empfehlenswert und bewirkt häufig das Gegenteil.
Viel hilft nicht viel, ganz im Gegenteil!
- Es geht darum, dass der Welpe "Dinge" als unbedrohlich einstufen kann,
- dass er Handlungsalternativen entwickelt. Umwelterkundung sollte hier im Fokus stehen.
- Und, wie bereits erwähnt, dass seine Sozialpartner, seine Menschen, stets für ihn da sind.
Fazit: Lieber keine Welpengruppe, als eine schlechte!
Machen Sie sich also nicht verrückt.
Der Satz "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" trifft so nicht zu.
"Schlechte Erfahrungen sind wie Fettzellen. Sie verschwinden nie und füllen sich immer schnell wieder auf" Zitat Dr. Blaschke-Berthold.
Das Sammeln weniger, dafür gemeinsamer guter Erlebnisse, in aller Ruhe mit viel Geduld und vor allem Zeit genügt erstmal.
Ich empfehle zunächst einige Einzelstunden und dann kann z.B. in gut geführten SocialWalks durchaus schon mal das bisher gelernte in Anwesenheit anderer Welpen/Hunde umgesetzt werden.
Hundeschule CaniSpeciale
©️Heike Schuh/2026




