Dominanz

Hilfe, mein Hund ist dominant?

 

Dein Hund will unbedingt als erster durch die Tür.

Er knurrt dich an, wenn du ihm seinen Kauknochen wegnehmen willst.

Er sitzt gern auf der Couch und guckt von oben runter.

Wenn ihr mit anderen Hunden spielt, reitet deiner öfter bei anderen Hunden auf.

 

Die Liste ist beliebig erweiterbar. Und liest man in den Sozialen Medien solche Fragen, kommt ganz schnell einer um die Ecke mit: 

- der will der Boss sein

- der ist dominant

- der testet seine Grenzen bei dir

- der will in der Rangordnung ganz hoch

- der will der Alpha sein

 

Woher kommen diese Antworten?

Weshalb denken Menschen, dass hier eine Art (Hund) über eine völlig andere Art (Mensch) herrschen will?

Denn sowas gibt es nirgends sonst in der Natur. Nirgends herrscht eine Art über eine weitere fremde Art.

 

Um eine Erklärung zu finden, müssen wir etwas zurück schauen.

Etwa ab Mitte 1900 wurde in verschiedensten Gebieten mit Wölfen deren Zusammenleben beobachtet und erforscht (R. Schenkel, E. Trumler, D. Mech).

Hierbei stellte sich tatsächlich heraus, dass sich der körperlich stärkste durchsetzt, es gab eine strenge Hierachie, den Alphawolf.

Blitzschnell wurde dies auf unsere Haushunde übertragen und hält sich leider bis heute hartnäckig, obwohl z.B. D. Mech bis heute seine damals aufgestellten Thesen längst widerrufen hat.

 

FALSCH an diesen Forschungen war:

 

Die Wölfe lebten nicht etwa in einem natürlich gebildeten Familienverband, sondern waren eine einander fremde Gruppe, die zudem in einem Areal eingesperrt wurden.

Klar, dass sich hierbei der Stärkste einfach durchgesetzt hat, ebenso klar, dass familiäre Strukturen nicht weiter gebildet wurden.

 

Stellt euch das in etwa wie „Big Brother“ im TV vor. Das hat gar nichts mit natürlichem Sozialverhalten zu tun.

 

Wölfe leben „eigentlich“ in demokratischen Familienverbänden, in denen beispielsweise die Welpen stets zuerst fressen dürfen; nichts ist wichtiger für das Rudel, als dass der Nachwuchs durch kommt.

Wölfe geben einander soziale Unterstützung, kein Rudel kann sich ein ängstliches Mitglied leisten.

Es gibt in der freien Natur nicht den dominanten Alphawolf, der mit dem gleichnamigen Wurf oder Nackenschütteln erzieht oder seine Macht demonstriert (dieses Verhalten beinhaltet Tötungsabsicht beim Beute machen).

 

Was ist Dominanz überhaupt genau?

 

Tiere, die regelmäßig mit DENSELBEN Artgenossen um Ressourcen (Futter, Liegeplätze, Sexualpartner) konkurrieren, können untereinander eine Dominanzbeziehung entwickeln. Sie ist ein Aspekt einer INNERARTLICHEN Beziehung. (Dr. Blaschke.Berthold)

 

 

Heißt, ein Hund kann ein dominantes Verhalten gegenüber einem ihm bekannten anderen Hund zeigen, wenn sie z.B. um einen Kauknochen rivalisieren „müssen“. Dieses Verhalten wird nicht gegenüber Fremden oder gar einer anderen Art gezeigt.

 

Weshalb hält sich dann aber diese Dominanztheorie so hartnäckig?

 

Dafür gibts die unterschiedlichen Gründe:

 

wohl weil wir Menschen selbst gern über andere dominieren,

weil wir selbst in Hierachien leben,

weil Kontrollverlust über andere Angst macht,

weil Lernen anstrengender ist, als einfach schnell den Hund stupsen, anbrüllen, Nackenschütteln, Leinereißen, usw. und

weil wir Menschen uns halt oft schwer tun, Althergebrachtes einfach über Bord zu werfen.

 

Übrigens bilden unsere Haushunde auch längst keine Rudel (Familienverbände) mehr. Es gibt genügend Beobachtungen an verwilderten Hunden, die allesamt als Einzelgänger leben und sich höchstens bei absolutem Nahrungsmangel zu kurzfristigen Jagdgruppen zusammen tun. 

Wir wollten das doch so! Wir haben so viele Jahrtausende damit verbracht, dass Hunde sich an uns Menschen binden und nicht weiter an ihre Artgenossen. 

 

 

Und nun?

Was sagt mir mein Hund dann mit den ganz oben aufgeführten Verhalten?

 

Er liegt gerne auf der Couch,

 

weil es da bequem ist,

weil es nach „seinen“ Menschen riecht,

weil er nahe bei seinen Menschen sein will 

weil er mehr sehen kann, als von ganz unten

 

Er will als erstes aus der Tür,

 

weil Draußen „seine“ aufregende Welt auf ihn wartet,

weil er zu hoch erregt ist

(hierbei sollte dann ein gutes Training erstmal die hohe Erregung runterfahren, sonst hat der Hund keinen Spaß)

 

Er dich anknurrt, wenn du ihm seinen Knochen wegnehmen willst,

 

naja, auch du würdest „knurren“, wenn du es dir mit deiner sehnlichst erwarteten Lieblingsschokolade gemütlich gemacht hast und ich diese einfach im Vorbeigehen wegnehme

(Es gibt tolle Übungen, mit denen Hunde in solchen Situationen zu kooperieren lernen und es eben nicht in „Machtkämpfen“ ausarten muss.)

 

Er bei anderen Hunden immer aufreitet,

 

Aufreiten ist entweder sexueller Natur, allerdings nur in der Standhitze einer Hündin.

In allen anderen Fällen ist der Grund dafür in einem hohen Stresslevel bei dem bedauernswerten „Aufreiter“ zu suchen.

 

Fazit

 

Lasst euch nicht mit solchem Dominanzgeschwafel Hund gegen Mensch verunsichern, sie ist schon sehr lange überholt.

 

Denn eigentlich „dominieren“ wir außerartlich unsere Hunde ziemlich stark (Futter, Jagen, Freilauf, Sex).

 

Seid wachsam, wenn euch jemand erzählt, er würde mit den Hunden „natürlich“, „artgerecht“, „hündisch“ oder „nonverbal“ arbeiten. Dahinter versteckt sich nichts anderes als die oben erklärten „einfachen“ DominanzMethoden.

 

Wir leben mit unseren Hunden in einer Art Familienverbund, so haben wir das eigentlich gewollt und so sollten wir uns auch verhalten.

 

 

2020 ©️Heike Schuh