Silvester mit Hunden ūüí•ūü•ā

 

 

Woher kommt diese weitverbreitete Angst √ľberhaupt?

 

Erstmal ist sie "normal", denn sie sch√ľtzt "Leib und Leben".

Angst ist ein durchaus lebenswichtiges, ja √ľberlebenswichtiges Gef√ľhl.

Sie ist evolutionär gesehen ein uralter Instinkt, der den Körper schnell aktiviert, damit er im Zweifel sehr schnell reagieren kann.

Abhängig von den bisherigen Lernerfahrungen und den jeweiligen Möglichkeiten nutzen Tiere als Reaktion auf eine "individuell" empfundene Bedrohung Bewältigungsstrategien wie die Flucht, den Angriff, das Einfrieren und Ablenkungsmanöver wie bspw. Herumalbern.

 

Die Angst an Silvester vor den krachenden, pfeifenden und zischenden Ger√§uschen ist also nichts Unnat√ľrliches. Wer jetzt nicht schnell reagieren k√∂nnte, der bezahlt wom√∂glich einen hohen Preis!

 

Dein Hund ist sonst ganz gut drauf, nur einmal im Jahr hat er Panik und du denkst dir nun, dass ist dann nicht so schlimm, da muss er halt mal durch....

Leider funktioniert das so nicht auf Dauer, denn "Angst zieht Kreise".

 

Angst die nicht bearbeitet wird, verst√§rkt sich im Laufe der Zeit und macht immer sensibler gegen√ľber weiterer, √§hnlicher Angstausl√∂ser.

 

So entwickeln sich nicht selten aus der ehemaligen Furcht vor Böllern weitere Sensibilitäten und schleichend beginnt das Tier mit Meideverhalten und darauffolgendem Angstverhalten bei Schuss- oder Zischgeräuschen. Der ein oder andere Fall geräuschempfindlicher Hunde, die bspw. auf Autobremsen, Fahrradanhänger oder Wasserkocher heftig reagieren, hatte seinen Ursprung in Silvesterfurcht.

Anfangs ganz nahe, sp√§ter in immer weiterer Entfernung, kommen mehr und mehr allt√§gliche Ger√§usche wie zugehende T√ľren, Fenster, usw. hinzu.

 

Du siehst, es ist äußerst empfehlenswert auch an "einmaligen" Angstauslösern zu arbeiten.

 

All diese √Ąngste bedeuten gro√üen Stress f√ľr deinen Hund.

Unter dem Einfluss der Stresshormone, allen voran Cortisol, kann dein Hund weder etwas lernen, noch wird er im Alltag gelassen reagieren können. Zusätzlich wird damit das Immunsystem heruntergefahren und diverse Krankheiten sind quasi vorprogrammiert.

 

Und jetzt kommt's, den die Lösung ist in Sicht:

 

Angst ist ein Gef√ľhl und negative Gef√ľhle k√∂nnen durch Zuwendung und ¬† ¬† ¬†Trost nicht verst√§rkt werden!

 

Hunde haben ja die Fähigkeit in uns Menschen einen Bindungspartner zu sehen, dahingehend haben wir sie jahrtausendelang domestiziert.

 

Bindungspartner stehen einander bei, lassen sich in Not nicht alleine, sorgen f√ľreinander.

Dies k√∂nnen wir auch bei den entfernten Verwandten, den W√∂lfen, beobachten. Ein Rudel kann sich keine √§ngstlichen Mitglieder leisten, also geben sie einander den sogenannten "social support". Sie versammeln sich, besch√ľtzen sich mithilfe von K√∂rperkontakt.

Auch wir Menschen handeln so, den beispielsweise w√ľrden Eltern ein ver√§ngstigtes Kleinkind nicht alleine lassen. Man w√ľrde sie sonst mit Recht als "asozial" bezeichnen.

 

Unsere Hunde sind hochsoziale Tiere, die angewiesen sind auf "soziale gegenseitige Unterst√ľtzung" von ihren "neuen" Bindungspartnern, uns Menschen.

 

Allerdings solltest du schon darauf achten, ob der Hund die von dir angewendete "Zuwendung" auch als wirklich hilfreich und beruhigend empfindet.

Nicht jeder Hund möchte Zwangskuscheln; bleibe einfach in seiner Nähe und beobachte, was dein Hund möchte.

 

Beim beruhigenden Streicheln kannst du die 5-Sekunden-Regel anwenden:

Streichle deinen Hund f√ľr 5 Sekunden, nimm dann deine Hand ruhig weg und warte wieder 5 Sekunden auf die Reaktion deines Tieres. Wendet er sich ab, lass ihn in Ruhe; wendet er sich dir zu, kannst du weiter streicheln.

 

 

Was hilft nicht? ‚ĚĆ

 

"Da muss er halt durch". NEIN! muss er nicht!

Wie oben bereits beschrieben, ist das keine Option und birgt einen ganzen Rattenschwanz an negativen Folgen.

 

Auch "Ignorieren" wird nicht helfen.

Der Hund wird sich auch sicher nicht "daran gew√∂hnen", weil man sich nicht an etwas Be√§ngstigendes gew√∂hnen kann. Gew√∂hnung an Etwas funktioniert nur, wenn die Gef√ľhle dabei nicht √§ngstigend sind. Hast du Angst vor gro√üer H√∂he? Nun, dann wirst du dich auch mit den Jahren nicht ohne Schwei√üausbr√ľche √ľber das Gel√§nder im 32ten Stock lehnen k√∂nnen.

 

Alleine gelassen werden in der Angst kann diese allerdings sehr wohl "verst√§rken". Das f√ľhrt nicht nur zu mangelndem Selbstvertrauen, sondern w√ľrde eine Bindung des Hundes zu seinen Menschen sicherlich nachhaltig negativ beeinflussen.

 

Keinesfalls bitte ein Mittel geben, dass den Wirkstoff ACEPROMAZIN (bspw. Vetranquil, Sedalia, Calmivet) enthält. Dieser Wirkstoff hemmt bzw. lähmt nur äußerlich. Der Hund durchlebt die Angst aber innerlich voll bewußt.

 

Ebensowenig ist der jedes Jahr aufs Neue angeblich hilfreiche Eierlikör zu empfehlen, da wir keine richtige Dosierung geben können. Alkohol wird sehr individuell verstoffwechselt. Hinzu kommt, dass jedes Tier völlig anders reagiert. Damit sind eventuelle Nebenwirkungen nicht kontrollierbar! Ein leicht alkoholisiertes Tier kann durchaus anstatt in lockerer Entspanntheit in totale Panik geraten.

 

F√ľr die derzeitigen Mittel aus der Hom√∂opathiewelt, Globuli und Salze und auch das allgegenw√§rtige CBD-√Ėl gibt es keinerlei wissenschaftliche Erfolgsdaten und ist daher ebensowenig ¬†zu empfehlen.

 

 

Wenn dein Hund oder Welpe bisher keine Angst gezeigt hat. ūüôā

 

Bei Hunden, die Silvester noch nicht als Angstausl√∂ser auf ihre Liste der Bedrohungen gesetzt haben, bietet das einfache "Sch√∂nf√ľttern" eine sehr gute Alternative.

 

Jedes Mal, wenn es kracht und donnert, passiert etwas Sch√∂nes f√ľr deinen Hund.

Es knallt und es fliegt daraufhin eine Hand voll Leckerchen vor den Hund auf den Boden, die er dann aufsammeln kann. Oder du startest eine schöne und positive Aktion mit deinem Hund, wie z.B. ein geliebtes

Spiel, gemeinsames Kuscheln und dergleichen.

 

Unbedingt empfehlenswert ist hier das Konditionierte Entspannungssignal, mit dessen Hilfe wir dem Tier eine gute Portion Oxytocin geben können.

 

Ebenfalls besonders hilfreich ist ein im Vorfeld etablierter Sicherheitsplatz, bei dem wir zus√§tzlich mit Hilfe des Geruchs- und H√∂rsinn (sieh unten) des Hundes f√ľr Oxytocinaussch√ľttung sorgen k√∂nnen.

 

 

Wenn dein Hund bereits Furcht oder Angst gezeigt hat. ūüė≥

 

1. TRAINING

 

Auch hier ist eine erste Ma√ünahme das "Sch√∂nf√ľttern".

Noch besser ist jedoch die vorher ge√ľbte konditionierte Futtersuche und nat√ľrlich die Trainingsma√ünahmen der Gegenkonditionierung und Desensiblisierung, die dem Hund eine gute M√∂glichkeit zur Bew√§ltigung der Angst geben.

 

Konditionierte Futtersuche bedeutet die Verkn√ľpfung von Leckerliesuchen mit einer bestimmten Decke oder der Schn√ľffelteppich und vieles mehr, das Sicherheit bringt. (√Ąhnlich dem Lieblingsteddy, der bei Kleinkindern √ľberall mit hin muss.)

 

Desensibilisierung ist das langsame Herantasten bei gleichzeitiger Leckerliegabe mit Hilfe √§hnlicher Ger√§usche, die jedoch noch keine Angstausl√∂ser f√ľr das Tier bedeuten (√Ėffnen einer Sprudelflasche, H√§ndeklatschen, usw.) sehr leise und weit entfernt. Der Hund sollte nicht mit Meideverhalten reagieren. Damit wird nun √ľber Wochen sehr behutsam an die eigentlichen Ger√§usche herangearbeitet, wobei keinerlei Stress entstehen darf. Wir ver√§ndern damit die Gef√ľhle des Hundes.

 

Eine weitere M√∂glichkeit ist der gleichzeitige Beginn von etwas wirklich sehr sehr Gutem (besonderes Futter, kleine Tricks, Spielsequenzen o.√§.), dass der Hund sehr gut kann und im Vorfeld sicher erlernt hat, mit den Knallger√§uschen.¬†Gegenkonditionierung ver√§ndert die Erwartungshaltung des Ausl√∂sers. Knallger√§usche k√ľndigen etwas Tolles an. Wichtig ist das Timing im Training, denn die tollen Sachen m√ľssen direkt mit Ende der Ger√§usche auch enden.

 

Gerne empfehle ich zum √úben mal einen Trainer aus dem IBH e.V. zu kontaktieren.

 

Weshalb ist ein Training so von Bedeutung?

 

Angst haben bedeutet Kontrollverlust.

Der Hund kann die Situation nicht einschätzen, seine 4 oben genannten Bewältigungsstrategien helfen ihm in der akuten Situation auch nicht mehr.

Mit den ihm bekannten Spielen und Tricks, die er ja erfolgreich absolvieren kann, geben wir ihm ein St√ľckchen Selbstsicherheit und damit Kontrolle √ľber seine Situation zur√ľck.

 

Manchen Hunde hilft zur Stressbewältigung auch Kauen.

Nicht fressen, sondern lange Zeit an etwas herumkamen k√∂nnen (wie der Schnuller beim Baby). Auch hier k√∂nnen wir das durch gutes Beobachten im Vorfeld herausfinden und dem Hund dann diese M√∂glichkeit zur Verf√ľgung stellen.

 

Empfehlenswert sind der gef√ľllte KONG, Lickmats und nat√ľrlich alle m√∂glichen l√§ngerhaltenden Kauartikel (keine Knochen oder √§hnlich hartbleibende Sachen, die schaden und besch√§digen dauerhaft die Z√§hne).

 

Nat√ľrlich ben√∂tigen gerade Hunde mit bereits bekannter Angst den bereits erw√§hnten Sicherheitsplatz und konditionierte Entspannungstools.

 

Empfehlenswert ist es, diesen Sicherheitsplatz dann an ruhigere Orte zu bringen, oftmals das Badezimmer oder Kellerräume; selbstverständlich alles nur in Anwesenheit der Bezugspersonen.

Denkt daran fr√ľhzeitig Fenster und Rollos zu schlie√üen.

 

Des Weiteren helfen vorher verkn√ľpfte Musik (gern auch etwas lauter gegen die B√∂llerger√§usche) und Entspannungsd√ľfte (bspw. Zitrone) ebenfalls sehr gut.

 

Was genau hat es mit der konditionierten Entspannung auf sich?

 

Wir nutzen hierbei die Klassische Konditionierung, also die Verkn√ľpfung eines Tones, Wortes, Duftes usw. mit einem guten Gef√ľhl, hier Oxytocin (Bindung- und Wohlf√ľhlhormon).

Dieses Verkn√ľpfen innerhalb weniger Sekunden passiert unbewusst und die entstandene Reaktion ist nicht willk√ľrlich steuerbar.

 

Der Sicherheitsplatz funktioniert √ľber dieses Prinzip und wird zus√§tzlich mit den Sinnen "riechen und h√∂ren" verkn√ľpft. Der RelaxoPet funktioniert ebenso.

 

 

2. Nahrungserg√§nzungsmittel / Medikamente ūüíä

 

Achtet hierbei bitte darauf, ob sie bereits Tage vor Silvester genommen werden sollten, um gen√ľgend

wirken zu können.

 

Empfehlenswert sind Präparate mit Baldrian und Lavendel.

 

Ebenfalls sehr zu empfehlen f√ľr Hunde jeden Alters sind L-Theanine (Sun-Theanine Dr. Best z.B.)

 

Bei extremer Angst kann der Tierarzt Pr√§parate mit Benzodiazepin verschreiben, bspw. Alprazolam, Diazepam. Diese unbedingt fr√ľhzeitig genug beginnen, sonst besteht Gefahr von sog. Gegenpanik.

 

 

3. Managementmaßnahmen

 

Unbedingt VORHER ge√ľbt und getestet k√∂nnen Thundershirts, eine Art eng anliegende Bodys, die gleichm√§√üig Druck auf den K√∂rper aus√ľben, so manchem Hund ein Sicherheitsgef√ľhl vermitteln.

 

Auch Ohrensch√ľtzer (MuttMuffs), die im Vorfeld positiv trainiert wurden, sind eine gute Hilfe.

 

Beruhigende Massagen wie TellingtonTouch oder Isometrische Übungen mögen viele Hunde. Auch mit diesen muss das Tier im Vorfeld vertraut gemacht werden.

 

 

4. Was ist Drau√üen zu beachten? ūüźē‚Äćūü¶ļ

 

Etabliert bitte eine L√∂sestelle so nahe wie m√∂glich an eurer Haust√ľre. Wenn dein Hund besonders in den kritischen 24 Stunde "muss", ist es extrem hilfreich, wenn du nicht erst l√§ngere Strecken in der "feindlichen" Umwelt herumlaufen musst.

 

Achtet bei Spaziergängen darauf, dass der Hund wirklich sehr gut gesichert ist.

Ein Halsband oder Sattelgeschirr sind generell nicht zu empfehlen, gerade an Silvester direkt gefährlich, da Hunde sich hieraus wirklich schnell befreien können.

Sicherheitsgeschirre bei Hunden mit bekannten Problemen sind ein MUSS, ebenso wie die Sicherung mit doppelter Leine.

 

Vom 29.12. bis 02.01. empfehle ich den Hund auch bei gut funktionierendem R√ľckruf garnicht von der Leine zu lassen, sondern nur an der Schleppleine zu f√ľhren.

 

Ablenkungsreiche Spaziergänge mit Kegeln, Suchspiele aller Art, Dummyarbeit helfen und ersetzen das Flitzen durchaus.

√úbrigens m√ľssen Hunde nicht unbedingt jeden Tag stundenlang spazieren gehen. Ab und an ein chilliger Ruhetag mit ein paar Interaktionen im Haus sind durchaus eine feine Sache.

 

In diesem Sinne w√ľnsche ich Allen ein entspanntes Silvester und ein gutes Neues Jahr.

 

Heike Schuh

 

Weitere Infos erhält du auch hier " Internationaler Berufsverband der Hundetrainer & Hundeunternehmer e.V.